AM Sachsen: Klopapier gegen Goethe beweist Infantilisierung der Gesellschaft

//AM Sachsen: Klopapier gegen Goethe beweist Infantilisierung der Gesellschaft

AM Sachsen: Klopapier gegen Goethe beweist Infantilisierung der Gesellschaft

Die AM Sachsen hat die Klopapier-Attacke der Künstlergruppe „Frankfurter Hauptschule“ gegen Goethes Gartenhaus in Weimar als Beweis für die Infantilisierung der Gesellschaft kritisiert. Wenn Künstler mit Klopapierrollen gegen tote missliebige Künstler vorgehen, muss man sich fragen, auf welchem Tiefpunkt die Ästhetik in Deutschland inzwischen angekommen ist. Und wenn diese Aktion als „gängige Praxis des Protests im Sport“ gerechtfertigt wird, kann man diese Frage nicht mehr rational beantworten: Ist die Auseinandersetzung mit mehrhundertjähriger Weltliteratur inzwischen zum Volkssport geworden?

Dabei ist schon die Primärkritik wegen des unbedarften und beschönigenden Umgangs mit Goethe in der deutschen Bildungslandschaft wegen „erotischer Hierarchien zu Ungunsten seiner Frauenfiguren, die von ihm oft als ‚naive Dummchen‘ gestaltet wurden“, nur als hanebüchen zu bezeichnen. Seine oftmals platonischen Frauenbeziehungen, darunter zu hochintelligenten Frauen wie der Herzogin Anna Amalia oder Charlotte von Stein, die in grandiose Texte mündeten, oder gar das traumatische Verhältnis zu Anna Katherina „Käthchen“ Schönkopf, die ihn wegen eines anderen verließ, bezeugen Goethes Unterordnung unter „die Liebe“.

Das 14-jährige Gretchen im „Faust“ als prominentestes Beispiel für die These des Dummchens anzuführen, reiht sich ein in die postmoderne Dekonstruktion auch literarischer Traditionen, die für nichts Kreatives, Schöpferisches mehr stehen, sondern ganz allein für Stupides, Zerstörendes: Mephisto kann über Gretchen keine Macht ausüben, weil sie reinen Herzens und die personifizierte Unschuld sowie stark gläubig ist und streng nach den Regeln der Kirche lebt. Insofern erweist sie sich als stärker denn jede „dumme Versuchung“, zumal sie sich selbst als bewusst einfältig darbietet. Weil sie ihre Seele nicht dem Teufel verschreiben will, wird ihre Seele gerettet und stirbt, weswegen jeder Leser mit gesundem Menschenverstand die Gretchentragödie als Vorwegnahme der Selbstständigkeit der Frau und als Wunsch nach freier Partnerschaftswahl interpretiert. Die Künstlergruppe ist dagegen auf demselben Mittelalterniveau verblieben, das vor zwei Jahren Jan Böhmermann in seiner „Faust“-Verballhornung im ZDF an den Tag legte.

In seinem von Franz Schubert vertonten Gedicht „Heidenröslein“ verharmlose Goethe laut Frankfurter Hauptschule „eine brutale Vergewaltigung in lieblichem Trällerton“, weswegen das Gedicht aus den Schulen zu verbannen sei. Das ist absurd. Die Verse von 1770 lassen nicht nur zahlreiche Parallelen zum Gedicht „Sie gleicht wohl einem Rosenstock“ erkennen, das Paul von der Aelst 1602 veröffentlicht hatte. Sie sind auch eine Verarbeitung der gescheiterten Beziehung zu der sehr selbstbewussten Friederike Brion. Dass Goethes Alter Ego im ähnlich intendierten Gedicht „Gefunden“ (1813) mit dem schlichten Waldblümchen deutlich artgerechter umging als mit dem Edelgewächs aus Jugendtagen, mag als Beweis für noch immer anhaltende Reue gelten: Als das Pflänzchen seinem Vorhaben widerspricht, gräbt er es „mit allen den Würzlein aus“ und trägt es „zum Garten (…) am hübschen Haus“. Im Gegensatz zur leidenden – weil gebrochenen – Rose / Friederike „(…) zweigt und blüht es / Mir immer fort.“

Dass eine Sprecherin der Künstlergruppe es nicht für Zufall hält, „dass Goethes 270. Geburtstag und das chinesische Jahr des Schweins in diesem Jahr zusammenfallen“, setzt der erbärmlichen Umdeutung die Krone auf: der Nationaldichter als weißer, männlicher, widerlicher Chauvi. Dazu muss man wissen, dass die „Künstlergruppe“ vor vier Jahren mit einer „Heroin-Performance“ gegen die Vertreibung von Junkies aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel protestiert, 2014 zum Knacken von Liebesschlössern aufgerufen, weil diese „moderne Keuschheitsgürtel“ in „kleinbürgerlicher Ästhetik“ seien, und letzten Herbst gar einen „rechtsextremen Überfall“ auf die Wiesbaden Biennale inszeniert hatte.

Vereinfachung und Polarisierung bestimmen heute den Diskurs, erklärt Hannes Soltau im Tagesspiegel. Die kindliche Wahrnehmung dreht sich allein ums Ich. Was nicht zur Befindlichkeit passt, wird mit Schreien und Toben quittiert. Im besten Fall bietet die Kindheit einen geschützten familiären Rahmen, in dem zwischen Aufbegehren und Akzeptanz soziales Verhalten erlernt wird. Die Künstlergruppe „Frankfurter Hauptschule“, die zwischen Adornos „Frankfurter Schule“ und „Hauptschule“ changiert, bedient genau dieses gerahmte „Schreien und Toben“. Mündigkeit, Koexistenz unterschiedlicher Vorstellungen oder gar das Aushalten von Widersprüchen, statt dem Drang einer kindlichen Vereindeutlichung nachzugeben, wird da als störend empfunden. Die AfD wird diese Störungen genüsslich sezieren und nicht nur literarische Traditionen zu ihrem Wert zurückverhelfen!

Von |2019-08-22T23:08:55+00:00August 22nd, 2019|Aktuelle Mitteilungen|0 Kommentare

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